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Die vom Staalsche Historienbibel der Zentralbibliothek Solothurn

Die Zentralbibliothek Solothurn beherbergt als Prunkstück ihrer Sammlungen eine handgeschriebene und handgemalte Bibel aus dem späteren 15. Jahrhundert, aus der Zeit kurz nach der Erfindung des Buchdrucks.

Das wichtige Werk ist der Fachwelt zwar bestens bekannt, doch hat sich die Forschung länger nicht mehr damit befasst. Eine wichtige Informationsquelle ist noch immer der Aufsatz des Zentralbibliothekars Dr. Leo Altermatt aus dem Jahre 1949. Eine neuere Abhandlung fehlte bis vor kurzem; nur die farbigen Postkarten am Verkaufsstand der Zentralbibliothek erinnerten Buchfreunde und -Freundinnen aus Solothurn und aus der ganzen Schweiz an das schöne Werk. Es ist das grosse Verdienst von Prof. Lieselotte E. Saurma-Jeltsch, Professorin für Mittelalterliche Kunstgeschichte an der Karl-Ruprechts-Universität Heidelberg, dass sich das nun ändern wird.

Schon in ihrer Dissertation hat sich die Baslerin Lieselotte E. Saurma-Jeltsch mit einer Schreibwerkstatt beschäftigt; in ihrer Habilitationsschrift befasste sie sich dann mit der Produktion aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau im Unterelsass, der Werkstatt, in der die Solothurner Bibel angefertigt worden ist.

Diebold Lauber in Hagenau war auf die serielle – aber immer handgeschriebene und handgemalte – Produktion von Bilderhandschriften spezialisiert. Er war bekannt als Lieferant besonders repräsentativer Werke, u.a. in Grossformaten, wie sie keine andere Werkstatt anbieten konnte: Er erreichte das Überformat, indem er die Einzelblätter auf Falz montierte. Auch in der Vermarktung seiner Bücher zeigte Lauber grosses Geschick; so klebte er in seine Produkte Werbezettel ein mit dem Text: Item welicher hand buecher man gerne hat gross oder clein geistlich oder weltlich hübsch gemolt die findet man alle by diebolt louber schriber In der burge zu hagenow. Tatsächlich stellte er nicht nur geistliche Werke her, sondern auch weltliche: Aus den 40er und 50er Jahren haben sich neben Andachtsbüchern Geschichtswerke, Wissensliteratur und Sachbücher seiner Fabrikation erhalten. Die Themen sind offensichtlich auf das wichtigste Lesepublikum, die Frauen, ausgerichtet; Publikationssprache ist deshalb nicht das Latein, sondern die Volkssprache Deutsch.

Die Solothurner Handschrift ist in der späteren Unternehmensphase entstanden, und sie ist möglicherweise nicht vom Verleger selber, sondern von seinem Kollegen Hans Schilling konzipiert worden. Hans Schilling war der Sohn des aus Solothurn vertriebenen Klewi Schilling und der Bruder von Diebold Schilling d. Ä., dem Luzerner Kanzleischreiber und späteren Berner Stadtschreiber; von ihm haben sich die berühmten Chroniken erhalten, die Berner, Spiezer und Burgunder Chronik. Thomas Schilling hingegen, der Onkel von Hans und Diebold Schilling, war in Solothurn als Münzmeister tätig. Der in Hagenau wirkende Hans Schilling hat durch diese Verwandten Kontakt zu einer neuen Zielgruppe, zum städtischen Beamtentum erhalten und genutzt – zu wichtigen neuen Abnehmern der Lauberschen Produktion nach einer Absatzkrise um 1455.

Johann vom Staal, seit 1455 oder 56 Stadtschreiber in Solothurn, hatte als Notar Kontakt zum erwähnten Thomas Schilling; über ihn kam er wohl in Kontakt mit Hans Schilling und Diebold Lauber. Es ist anzunehmen, dass er Auftraggeber und Erstbesitzer der Historienbibel war. Nach Saurma-Jeltsch ist das Ausserordentliche dieser Handschrift, dass die Bilder das Buch zu einem «multimedialen Selbstobjekt» der Familie von Staal machen, beispielsweise, indem in den biblischen Darstellungen Wappen dargestellt werden, die auf den Besteller und seine Heimatstadt Solothurn verweisen.

Kurz nach der Gründung der Stadtbibliothek, im Jahre 1763, bot die Familie vom Staal ihre reich dotierte Familienbibliothek zum Nutzen des Publici ihre in zimblicher Anzahl gesammlete volumina grossmütigst an; damit gelangte auch das Prunkstück, die Historienbibel, in städtischen Besitz. Seit der Zusammenlegung von Stadt- und Kantonsbibliothek Solothurn im Jahre 1930 gehört sie der Zentralbibliothek Solothurn, wo sie als einer der grössten Schätze sorgsam aufbewahrt wird.

11.7.07/vb



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